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RA 04/2016 - Entscheidung des Monats

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218 Strafrecht

218 Strafrecht RA 04/2016 Tödliche Gewaltanwendung nicht Teil des ursprünglichen Tatplans BGH, Beschluss vom 16.09.2009, 2 StR 259/09, NStZ 2010, 81, 81 f. Tödliche Gewaltanwendung nicht nachträglich in Tatplan aufgenommen (sukzessive Mittäterschaft) BGH, Urteil vom 27.01.2011, 4 StR 502/10, NStZ 2011, 699 BGH, Beschluss vom 14.02.2012, 3 StR 446/11, NStZ 2012, 379, 380 [17] aa) Das Landgericht ist davon ausgegangen, dass die Angeklagten […] ein gewisses Maß an Gewalt bei der Tatbegehung einplanten. Es hat […] festgestellt, dass die […] Täter bewusst zusammenwirken wollten, um U mit Gewalt vom Rastplatz zum Lagerplatz verbringen und ihm dort vorhandene Bankkarten wegnehmen sowie die zugehörigen PIN abpressen zu können. Die Feststellung eines ausdrücklich oder konkludent gefassten Entschlusses zur Ausübung lebensbedrohender Gewalt ergibt sich aus dem angefochtenen Urteil indes weder für diesen noch für einen späteren Zeitpunkt. [18] Der Senat vermag diesen auch dem Gesamtzusammenhang der Urteilsgründe nicht mit der erforderlichen Sicherheit zu entnehmen. Zwar ist es für eine gemeinschaftliche Tatbegehung nicht erforderlich, dass jeder der Mittäter eigenhändig an der zum Tode führenden Verletzungshandlung teilnimmt. Auch begründet nicht jede Abweichung des tatsächlichen Geschehens von dem vereinbarten Tatplan bzw. den Vorstellungen des Mittäters die Annahme eines Exzesses. Die dem Opfer zugefügten Körperverletzungen dürfen jedoch nicht von wesentlich anderer Art und Beschaffenheit sein, als der Mittäter es wollte und sich vorstellte. Die letztlich zum Tode [des] U führende Gewalteinwirkung durch einen oder mehrere der Angeklagten ergab sich aber aus einer plötzlichen, unerwarteten Wendung des Geschehens – Auslösung von Panik durch Fehlinterpretation des sich drehenden Briefumschlags auf dem Laptop des Opfers – und wurde durch den einmaligen, vom Angeklagten V ausgeführten Schlag mit dem Laptop auf den Kopf des Opfers eingeleitet. […] [19] bb) Der Senat vermag den Urteilsgründen den für eine Verurteilung nach § 251 StGB erforderlichen Vorsatz auch unter Heranziehung der Grundsätze einer sukzessiven Mittäterschaft [nach den bisherigen Feststellungen] nicht zu entnehmen. [20] Sukzessive Mittäterschaft kommt in Betracht, wenn ein Täter in Kenntnis und mit Billigung des bisher Geschehenen – selbst bei Abweichungen vom ursprünglichen Tatplan in wesentlichen Punkten – in eine bereits begonnene Ausführungshandlung eintritt. Sein Einverständnis bezieht sich dann auf die Gesamttat mit der Folge, dass ihm die gesamte Tat zugerechnet werden kann. Jura Intensiv [21] Das Vorliegen der Voraussetzungen sukzessiver Mittäterschaft eines oder mehrerer der […] Angeklagten hat die Strafkammer ebenfalls nicht festgestellt. Der Senat vermag auch dies dem Gesamtzusammenhang der Urteilsgründe nicht hinreichend sicher zu entnehmen. Dass alle vier Angeklagten bei der Ausführung der schweren Misshandlungen, wie festgestellt, anwesend waren und diese mitbekamen, reicht für die Begründung sukzessiver Mittäterschaft nicht aus. Allerdings wird der neue Tatrichter zu beurteilen haben, ob weitere Tathandlungen, die zu einer Vertiefung der Gewalthandlungen geführt haben können (Fesselung, Verbringen an das Ende des Waldwegs), als Grundlage für die Annahme des Handelns eines oder mehrerer Angeklagten in sukzessiver Mittäterschaft in Betracht kommen.“

RA 04/2016 Strafrecht 219 Jedenfalls dadurch, dass sie den nach der Durchführung der massiven, letztlich tödlichen, Gewaltanwendung hilflosen U einvernehmlich fesselten und im Wald zurückließen, haben auch diejenigen des aus J, L, M und V bestehenden Quartetts, die die Gewalt nicht selbst angewendet haben, diese Handlung akzeptiert und sie nachträglich in ihren Tatplan aufgenommen. Zumindest unter dem Gesichtspunkt einer sukzessiven Mittäterschaft ist deshalb ein Vorsatz aller vier bzgl. der tödlich wirkenden Gewaltanwendung gegeben. bb) Wenigstens Leichtfertigkeit bzgl. des Eintritts der schweren Folge Bzgl. des Eintritts des Todes des U müssten J, L, M und V wenigstens leichtfertig gehandelt haben. Die vier haben den Tod des U leichtfertig herbeigeführt, sodass diese Voraussetzung vorliegt. II. Rechtswidrigkeit und Schuld J, L, M und V handelten rechtswidrig und schuldhaft. III. Ergebnis J, L, M und V sind strafbar gem. §§ 249 I, 251, 25 II StGB. C. Strafbarkeit gem. §§ 253 I, 255, 251, 25 II StGB Nach der Spezialitätstheorie ist die räuberische Erpressung mit Todesfolge in dem spezielleren Raub mit Todesfolge stets enthalten, tritt aber hinter diesem zurück. Nach der Exklusivitätstheorie schließen sich die Tatbestände von Raub (mit Todesfolge) und räuberischer Erpressung (mit Todesfolge) aus, sodass eine räuberische Erpressung mit Todesfolge schon tatbestandlich nicht vorliegt. Nach beiden Meinungen ist also eine Strafbarkeit von J, L, M und V gem. §§ 253 I, 255, 251, 25 II StGB nicht gegeben, D. Strafbarkeit gem. §§ 239a I 1. Fall, III, 25 II StGB J, L, M und V könnten sich jedoch wegen mittäterschaftlichen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge gem. §§ 239a I 1. Fall, III, 25 II StGB strafbar gemacht haben. I. Tatbestand 1. Grunddelikt: §§ 239a I 1. Fall, 25 II StGB a) Tathandlung: Entführen oder Sichbemächtigen J, L, M und V haben U gegen dessen Willen an einen anderen Ort verbracht, an dem er ihrem ungehemmten Einfluss ausgesetzt war. Sie haben ihn also entführt. b) Mittäterschaft, § 25 II StGB Die vier haben auch das Entführen auf der Grundlage eines gemeinsamen Tatplans gemeinschaftlich ausgeführt und deshalb auch insofern als Mittäter i.S.v. § 25 II StGB gehandelt. c) Vorsatz J, L, M und V handelten auch vorsätzlich. Jura Intensiv d) Ausnutzungsabsicht J, L, M und V müssten auch in der Absicht gehandelt haben, „die Sorge des Opfers um sein Wohl […] zu einer Erpressung (§ 253) auszunutzen.“

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